Der letzte Stehgeiger – zum Karriereende des Z. Misimovic

Als Stehgeiger bezeichnet man üblicherweise den Leiter und Erstgeiger eines Unterhaltungsensembles, der andere Musiker spielend oder mithilfe eines Bogens dirigiert und führt.

In der Fußballsprache hat diese Bezeichnung häufig einen abwertenden als auch spöttischen touch. Nicht selten leiden insbesondere Spieler mit der Nummer 10 auf dem Rücken unter diesem Stigma. Doch gerade im Fußball passt die künstlerische Definition wie die DSF-Kappe auf Udo Lattek’s Schädel. Als Künstler und Feingeist sind es häufig die Spieler im zentral offensiven Mittelfeld einer Fußballmannschaft, die den Takt angeben und ihre Mitspieler spielerisch und mithilfe des Balles führen. Zugegebenermaßen sind Spieler dieser Art nicht dafür bekannt, den Acker übersät von Gras- und Schmutzflecken zu verlassen.

Seit dem 04.03.2015 hat sich die Population der ohnehin vom Aussterben bedrohten Spezies der klassischen Zehner weiter verringert. An jenem – für mich schwarzen – Mittwoch erklärte Zvjezdan Misimovic still und leise seinen Abschied vom professionellen Fußball im Alter von nur 32 Jahren. Wikipedia beschreibt Misimovic als technisch beschlagen, dribbel- und schussstark gepaart mit akuter Lauffaulheit sowie mangelnder Konstanz. Für mich ist er einer der besten und unterbewerteten Mittelfeldspieler, die je ihre Schuhe in der Bundesliga geschnürt haben. Ausgebildet in verschiedenen Jugendkapellen Bayerns bekam der Mittelfeldspieler den letzten Schliff beim Zweitorchester des FC Bayern München ehe er sich aufmachte, die große Bühne Bundesliga zu erobern.

Sein Debüt gab er dabei noch im Orchester der Rothosen, bei denen er jeweils drei mal (zwei mal für das Phantom Rheuma Kay Anm.d.Red.) eingewechselt wurde. Der Durchbruch gelang ihm dann allerdings beim VFL Bochum. Im ersten Jahr konnte er zwar den Abstieg nicht verhindern, brachte sich aber mit drei Toren und mehr Startelf-Nominierung als Konsonanten in seinem Vornamen durchaus als Alternative im Mittelfeld ins Gespräch. Im darauffolgenden Jahr führte er den VFL als Stammspieler zum direkten Wiederaufstieg, um dann in der Saison 2006/2007 mit insgesamt zwanzig Scorerpunkten endgültig die erste Geige zu spielen. Aus familiären Gründen wechselte er dann für ein Jahr nach Nürnberg, wo er mit ebenfalls zwanzig Scorerpunkten seine Leistungen aus dem Vorjahr bestätigen konnte. Er war der erste Spieler, der nach dem Abstieg des FCN, seinen Abschied bekannt gab. Ab 2009 übernahm er den Taktstock beim VFL Wolfsburg. Dort stieg er zum absoluten Dirigenten im Wolfsburger Mittelfeld auf und wurde zu einem der besten offensiven Mittelfeldspieler der Bundesliga. Zusammen mit Grafite und Dzeko bildete er das ideale Trio la Haze der Autostadt. Er stellte mit unfassbaren zwanzig Torvorlagen einen Rekord auf und holte die erste Deutsche Meisterschaft des Vereins für Leibesübungen Wolfsburg. Für ihn persönlich war es die zweite Meisterschaft, die er feiern durfte. Auch im nächsten Jahr wusste er mit zehn Toren und fünfzehn Assists zu glänzen. Der Glanz sollte jedoch allzu schnell wieder verblassen. Dieter Hoeneß wollte seine Kapelle moderner, poppiger aufstellen und holte einen völlig überteuerten neumodischen Künstler. Weg von klassischer Musik holte er einen DJ, der einen moderneren Takt vorgeben sollte. Einen Grammy hatte diese Verpflichtung jedoch nicht verdient – es reichte nicht einmal für einen VIVA-Cometen. Turban-Dieter wusste es nicht besser, sortierte Zwetschge aus, verschacherte ihn für zwei Kofferradios der Marke Arcelik an den Bosporus und läutete somit seinen eigenen, ganz persönlichen Abstieg auf der Tonleiter ein.

Misimovic’s Karriere erholte sich von diesem Knacks nicht mehr. Er konnte bei keinem Verein richtig Fuß fassen. Insgesamt hat einer der technisch begabtesten Bundesligaspieler bei sechs Vereinswechseln nur 20,50 Million Euro an Transfererlösen erzielt. Wahrscheinlich wurde er für eine lange Karriere einfach ein paar Jahre zu spät geboren. In der heutigen modernen Fußballära, in der jeder Spieler gegen den Ball arbeiten und mindestens zwölf Kilometer pro Spiel zurücklegen muss, sind Fußballer mit dem Radius eines Schulzirkels einfach nicht mehr angesagt. Der klassische Stehgeiger hat ausgedient, heute müssen Zehner die Bühne rocken, auf und ablaufen…wie moderne Geiger…wie ein David Garrett eben…!

 

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